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VILLA AURORA Adolf als Zielscheibe Von Henryk M. Broder Lion Feuchtwanger und seine Frau Marta wohnten hier, nachdem sie Europa verlassen mussten; Bert Brecht und Hanns Eisler, Heinrich und Thomas Mann und Charly Chaplin kamen als Gäste in die Villa Aurora. Heute sind es junge Künstler, die das alte Haus mit Leben füllen. Damit kein Gras über die Geschichte wächst.
Hier also haben die Feuchtwangers, Lion und Marta, gelebt, Villa Aurora, 520 Paseo Miramar, Pacific Palisades, California. Das Haus wurde in den zwanziger Jahren im "Spanish Revival Style" gebaut. Als eine "Mustervilla", um Interessenten in die Gegend am westlichen Ende des Sunset Boulevard zu locken, damals weit außerhalb von Los Angeles. Die Feuchtwangers erwarben die Immobilie im Jahre 1943 für 9000 Dollar; das war nicht viel für ein Haus mit zwei Küchen, 14 Zimmern und etlichen Nebenräumen auf drei Ebenen, aber immerhin so viel wie ein Professor in zwei Jahren verdiente. Für den deutschen Dichter und seine Frau war es das Ende einer langen Reise. 1925 zogen Feuchtwangers aus dem NS-kontaminierten München nach Berlin, 1932 kehrten sie von einer USA-Lesereise nicht mehr nach Deutschland zurück. Sie gingen nach Sanary in Südfrankreich, wo sie 1940 von den Franzosen als "feindliche Ausländer" interniert und nur nach Intervention wichtiger Freunde freigelassen wurden. In Lissabon nahmen sie ein Schiff nach New York und kamen schließlich 1941 in Los Angeles an. Lion Feuchtwanger, erfolgreicher Autor vieler historischer Romane (unter anderem "Jud Süss", "Erfolg", "Die Geschwister Oppermann"), starb 1958, seine Frau Marta lebte bis 1987 und verwaltete sein Erbe. Nach ihrem Tod fiel es, wie schon von ihrem Ehemann verfügt, an die University of Southern California (USC): das Haus und die Einrichtung, die Bibliothek mit 30.000 Bänden, die Korrespondenz, die Manuskripte - einfach alles. Leben im alten Haus Die private USC nahm das Erbe gerne an, nur mit dem Haus konnte sie wenig anfangen. Es drohte den Hang abzurutschen, musste dringend stabilisiert und restauriert werden. Höchstwahrscheinlich wäre es verkauft und abgerissen worden, um Platz für einen profitablen Neubau zu schaffen, denn Pacific Palisades war inzwischen eine gute Adresse. Doch der deutsche Feuchtwanger-Biograf Volker Skierka und die Journalistin Marianne Heuwagen starteten eine Initiative zur Rettung der Villa Aurora, mit Hilfe von Kulturpromis wie Michael Naumann, Fritz J. Raddatz und Freimut Duve. 1988 etablierte sich der "Kreis der Freunde und Förderer der Villa Aurora e.V." als eine gemeinnützige transatlantische Organisation. Mit Lotto-Mitteln wurde die Villa von der USC zurückgekauft und instand gesetzt. Ende 1995 kam wieder Leben in das alte Haus, die Villa Aurora wurde neu eröffnet, als Kulturzentrum und temporäre Arbeitsstätte für Stipendiaten: Schriftsteller, Musiker, Komponisten, Filmemacher, Fotografen. Tanja Kinkel, die über Feuchtwanger promoviert hat, war schon hier, ebenso Irene Dische, Durs Grünbein und Michael Lentz. Reinhard Hauff, Peter Lilienthal, Rosa von Praunheim stellten ihre Arbeiten in der Villa Aurora vor, Wolfgang Becker hat das Drehbuch zu "Good bye, Lenin" in der kalifornischen Sonne konzipiert. Dazu kommen "Feuchtwanger Fellows", die vom amerikanischen PEN vorgeschlagen werden und ein Jahr in der Villa leben und arbeiten, Schriftsteller aus Staaten wie Nigeria, Burma, Pakistan, Algerien und der Demokratischen Republik Kongo, lauter Ländern, wo das freie Wort einen schweren Stand hat. Wer zum ersten Mal die Villa Aurora betritt, weiß nicht, ob er begeistert oder erschüttert sein soll. Diese Lage! Dieser Ausblick! Diese Geschichte! Es ist die Mischung aus Charme und Schauer, wie sie viele historische Orte ausstrahlen: das Anne-Frank-Haus in Amsterdam, das Geburtshaus von Karl Marx in Trier, das Arbeitszimmer von Sigmund Freud in Wien, die Wannsee-Villa in Berlin. Es mag Kulturfetischismus sein, aber der Tisch, an dem Feuchtwanger schrieb, hat doch einen anderen Symbolwert als ein Möbel aus dem Ikea-Katalog. Das Erste, das dem Besucher auffällt, ist ein kleiner verglaster Schrein, eine Vitrine mit Feuchtwanger-Memorabilia. In der Mitte ein Schreibtischset mit Papierschere und Briefmesser, ein Tintenfass, eine Tischuhr, kleine Figuren aus Metall, die als Briefbeschwerer gedient haben könnten. Charles Laughton las im Garten Shakespeare Ganz unten, dem Blick fast entzogen, die Medaille zum Nationalpreis Erster Klasse der DDR, die Feuchtwanger 1953 verliehen wurde, und gleich daneben, in friedlicher Koexistenz, das Große Bundesverdienstkreuz, mit dem Marta Feuchtwanger 1966 geehrt wurde. Ganz oben ein Medikamentenfläschchen und ein leicht vergilbter Zettel aus einem Notizblock. Darauf handgeschrieben: "Ich bin ein deutscher. Schriftsteller, mein Herz schlägt jüdisch, mein Denken gehört der Welt." Ein Schuft, wem bei diesen Worten nicht schwindelig wird.
Etwa 22.000 Bücher stehen in der Villa Aurora, sorgfältig geordnet und katalogisiert, weitere 8000 in der Feuchtwanger Library in der USC. Es ist die gleiche Bibliothek, die Feuchtwanger in Berlin zurücklassen musste, er hat sie in den USA neu zusammengekauft. Die Sammlung gibt Auskunft, womit sich ein deutscher Schriftsteller, dessen Herz jüdisch schlug und dessen Denken der Welt gehörte, im Exil beschäftigte. Tacitus' "Historien und Annalen", "Grundriss der Germanischen Philologie", "Grimms Deutsches Wörterbuch" in 18 Bänden, "Weltgeschichte des jüdischen Volkes" von Simon Dubnow in zehn Bänden, "Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk", die gesammelten Werke von George Elliott und Jane Austen - nur um ein paar populäre Titel zu nennen. "Manchmal geistert Marta noch durchs Haus" Feuchtwanger war ein Vielschreiber, er war aber vor allem ein Allesleser, der sich gründlich auf seine Bücher vorbereitete. Was machte der Mann, wenn er nicht las oder schrieb? Es kann sein, dass er ganz banalen Vergnügungen nachging. Nach der Renovierung der Villa wurde im Orgelraum ein Dartboard gefunden, beidseitig bemalt. Die eine Seite zeigt Hitler in Uniform, die andere Adolf pur. Das Board muss fleißig benutzt worden sein, es ist voller Einstiche. Haben Feuchtwanger und seine Gäste nach den Lesungen mit kleinen Pfeilen nach dem Führer gezielt? "Wir wissen es nicht", sagt Claudia Gordon, die seit September 2002 die Villa Aurora führt, "möglich wäre es, aber es gibt darüber keine Aufzeichnungen". Die Villa könnte noch mehr Geheimnisse bergen. Ende Mai wurde eine Abstellkammer ausgeräumt, die lange kein Mensch mehr betreten hatte. Da standen zwischen alten Möbeln, die Marta Feuchtwanger bei "Garage Sales" gekauft hatte, ein Faxgerät der ersten Generation, eine mobile "air condition", ein pastellfarbener Entsafter und viele andere Küchengeräte, die in den vierziger und fünfziger Jahren sehr modern waren. Und von der Decke hing ein Krückstock, den Marta Feuchtwanger benutzt hatte. "Manchmal geistert sie noch durchs Haus", sagt "Artist-in-Residence" Georg Nussbaumer, ein Linzer Komponist, der davon überzeugt ist, dass es in der Villa spukt: "Und wenn es nicht Marta ist, dann kann es nur Hilde Waldo sein, Feuchtwangers Sekretärin." Auch die Berliner Autorin Antje Ravic Strubel glaubt an übersinnliche Erscheinungen in der Villa Aurora, möchte sie aber nicht missen. "Es ist aufregend, mit den Feuchtwangers unter einem Dach zu leben." Geld aus Berlin Für Claudia Gordon, eine gelernte Ägyptologin, die von Hannover nach Los Angeles gekommen ist, um einen Amerikaner zu heiraten, und ihre Kollegin Zaia Alexander, die über Probleme beim Übersetzen von Literatur promoviert hat, kommt es dagegen nur auf Zahlen an. Das Geld für die Programmgestaltung und den Erhalt der Villa Aurora kommt aus Berlin, vom Auswärtigen Amt und aus dem Etat der Beauftragten für Kultur und Medien, und es ist so wenig, dass man sich genieren muss, den Betrag zu nennen. Etwa zehn Prozent des Budgets werden in Los Angeles eingenommen, aus Spenden und durch die Vermietung der Villa Aurora an Unternehmen, die ihre Kunden in einer historischen, nicht von Hollywood gebauten Kulisse bewirten möchten. Claudia Gordon spricht von einer "Fehlbedarfsfinanzierung". Die Deutsche Bank hat zu einer "Weinprobe" in die Villa Aurora eingeladen, die Lufthansa zu einem Empfang für ihre "best customers". Bei der Gelegenheit kam auch Thomas Gottschalk ins Haus; andere Deutsche, die in Los Angeles leben oder die Stadt besuchen, kommen freiwillig. Jürgen Prochnow war schon da, und Til Schweiger, Wim Wenders und Maximilian Schell, Armin Mueller-Stahl, der in der Nachbarschaft wohnt, "kommt ziemlich regelmäßig". Die Feuchtwangers, sagt Claudia Gordon, "hatten immer ein offenes Haus". Und das soll auch so bleiben.
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